Das ewige Lied von Mangel und Fülle

Es wird heutzutage viel analysiert, ob jemand eher im Mangel oder in der Fülle denkt. Das Weltgeschehen, befeuert durch Medien, Krisenmeldungen und allgemeine Verunsicherung, schürt den kollektiven Pessimismus. Dass das etwas mit uns macht, steht ausser Frage. Sich dem Sog dieser Manipulation zu entziehen ist anstrengender, als sich davon mitreissen zu lassen. Der Mensch reagiert nun mal heftiger auf schlechte Nachrichten, als auf gute.
Weltbild und Mindset, Verhalten und Haltung: nicht dasselbe, aber verwandt
Das halbleere oder halbvolle Glas beschreibt unser Weltbild und unser Mindset: Was für eine Einstellung haben wir zum Leben? Sind wir in ihr festgefahren oder erlauben wir uns, in Wachstums- und Entwicklungsdimensionen zu denken? Das Bewusstsein von Mangel oder Fülle geht noch weiter. Man erfasst das gesamte Verhalten eines Menschen, also die Konsequenz seiner Einstellung: So denke ich, also verhalte ich mich entsprechend.
Wie wir wissen, kann das eigene Verhalten gesteuert und verändert werden – wenn man sich selbst dahingehend reflektiert, dass es nicht nur ein Wunsch wird, sondern ein Ziel.
Manche Menschen sträuben sich innerlich gegen das Mangeldenken und haben gleichzeitig Angst, kalt, egoistisch oder realitätsfern zu werden, wenn sie sich auf Fülle ausrichten. Das zeigt sich auch in banalen Alltagssituationen oder in der Art wie jemand spricht. Viele von uns wurden von klein auf so geprägt, dass Bescheidenheit moralisch wertvoll ist, während Fülle etwas Verdächtiges oder Verwerfliches hat. Als müsste man sich zwischen Mitgefühl und Hingabe oder persönlichem Wachstum entscheiden. Doch ist das ein Trugschluss und hat nichts miteinander zu tun.
Wahre innere Stärke entsteht nicht dort, wo wir uns klein halten, sondern dort, wo wir lernen, menschlich und gleichzeitig offen zu bleiben für Möglichkeiten, Entwicklung, Freude, Erfolg, Innovation, Kreativität, Verbindung, Wachstum und Reichtum – wobei letzteres sich nicht nur auf den materiellen Reichtum beschränkt.
Die unerbittliche Welt des Mangels
Mangeldenken ist nicht nur eine wirtschaftliche, soziale oder finanzielle Haltung, sondern auch eine persönliche. Es ist ein innerer Zustand des ewigen vermeintlichen Pechvogels, dem das Schicksal ständig Stolpersteine in den Weg legt und der sich von Negativität einnehmen lässt - ein Zustand, in dem der Glaube vorherrscht: Mir gelingt nichts. Ich kann das nicht. Ich bin nicht genug. Das Leben ist so unfair. Es gibt zu wenig Chancen für mich. Ich bekomme zu wenig Anerkennung, Liebe, Erfolg, Zeit, Raum, etc.
Und genau dieses Denken prägt alles: unsere Entscheidungen, Beziehungen, Karriere, Ausstrahlung und Fähigkeit, mutig zu handeln oder gelassen zu reagieren. Wer im Mangel lebt, beginnt unbewusst, alles kontrollieren zu wollen, festzuhalten, sich zu vergleichen und zu versteifen, andere als Konkurrenz wahrzunehmen, Chancen nicht zu ergreifen – weil die Angst vor dem Scheitern grösser ist als das Vertrauen in die eigenen Kräfte.
Das Tragische daran: Mangeldenken erschöpft uns emotional, denn unser Nervensystem bleibt dauerhaft im Alarmzustand. Selbst dann, wenn objektiv längst genug da wäre und keine unmittelbare Gefahr hinter der nächsten Ecke lauert. Aber wir sind dann ausser Stand, das zu erkennen, denn unsere Objektivität hat sich in Luft aufgelöst und stattdessen einem Tunnelblick Platz gemacht.
Unzählige Menschen verbringen das gesamte Leben in diesem Zustand, ohne jemals den Wunsch zu verspüren, etwas zu verändern. Sie wissen nicht einmal, dass sie gefangen sind in der eigenen Einstellung. Das Problem beginnt erst, wenn das Bewusstsein dafür erwacht und der Leidensdruck einsetzt.
Der Weg zur Fülle beginnt bei dir
Die Forschung zur Neuroplastizität hat ergeben, dass unser Gehirn bis zuletzt fähig ist, sich zu entwickeln und zu lernen. Also daran liegt es nicht, wenn wir im Mangeldenken verharren. Aber Veränderung geht nicht ohne starken Willen und dauernde aktive Gegensteuer. Die bewusste Entscheidung für Fülledenken – angefangen mit konsequent praktizierter Dankbarkeit für das, was man hat, und Distanzierung von allem, was uns emotional herunterzieht – ist enorm kraftvoll und tiefgreifend, denn sie beeinflusst unsere innere Haltung und unser Wohlbefinden nachhaltig.
Füllebewusstsein bedeutet nicht, egoistisch und arrogant, mit stolzem Grinsen und geschwellter Brust durch die Welt zu laufen oder das Leid von anderen zu ignorieren. Es bedeutet vielmehr, sich bewusst dagegen zu entscheiden, dauerhaft in Angst, Unsicherheit, Enge und emotionaler Knappheit zu leben oder den eigenen Lebensweg mit den Hürden der anderen zu verbauen.
Ich vertraue darauf, dass Möglichkeiten existieren. Dass sie auch für mich existieren.
Ich glaube daran, dass Wachstum immer möglich ist. Dass ich wachsen kann.
Ich erkenne meinen eigenen Wert. Und ich bin in jeder Hinsicht wertvoll.
Ich erlaube mir, sichtbar zu werden. Ich verdiene es, gesehen und gehört zu werden.
Ich darf erfolgreich sein, ohne Schuldgefühle. Erfolge passieren ständig.
Scheitern ist kein Abonnement, sondern der Beweis für Initiative.
Ich erwarte ab jetzt mehr vom Leben. Das Leben hat nichts dagegen.
Und vor allem muss ich mich nicht permanent klein halten und zurückstecken, um ein guter Mensch zu sein.
Viele sensible, empathische Menschen haben genau davor Angst. Sie fürchten, dass Erfolg sie verändert. Dass sie härter, unnahbarer und egoistischer werden. Sie lassen sich ablenken und identifizieren sich lieber mit den Problemen oder negativen Emotionen anderer und übernehmen diese Last, die ihnen nicht gehört. Geht es dir auch so oder kannst du dich gut abgrenzen?
Echtes Fülledenken macht dich nicht herzlos. Es macht dich frei, stabil und emotional reif. Wer innerlich im Frieden ist, muss weniger kämpfen, beweisen und kompensieren. Es fällt leichter, grosszügig und hilfsbereit zu sein - emotional, menschlich oder materiell – wenn man sich selbst dabei nicht verliert.
Fazit
Wenn du dir erlaubst, aus der Fülle heraus zu leben und zu agieren, beeinflusst du automatisch auch dein Umfeld. Deine Energie wird klarer. Menschen spüren, ob jemand statt aus Angst aus Zuversicht handelt. Das ist ansteckend, befreiend und belebend. Und es setzt ein starkes Signal nach aussen, dass Selbstbewusstsein und Sensibilität, Ambitionen und Empathie auch miteinander in derselben Person existieren können.










